Leser die sich bisher nicht mit dem Nordirland-Konflikt beschäftigt haben, lege ich nahe meinen vorherigen Bericht diesbezüglich zu lesen.

Irland “feiert” 21 Jahre Frieden. Vor 21 Jahren wurde das Karfreitags-Abkommen, auch als Belfaster Vertrag bekannt, verabschiedet.

Am Gründonnerstag jedoch, verlor Lyra McKee, eine 29-jährige Journalistin und Menschenrechtlerin, ihr Leben in Derry/Londonderry.

Heißt das, dass Nordirland wieder zum Pulverfass Europas wird?

Die Bevölkerung Nordirlands möchte mit Sicherheit nicht mehr in die Vergangenheit der Gewalt und des Terrors zurück. Das war eine Zeit des Grauens. Früher, zu Zeiten des Konflikts, waren solche Vorfälle alltäglich. Heute ist die Bevölkerung empört und sprachlos – verbunden in Trauer und Wut. Menschen aller Traditionen reichen sich die Hände und verurteilen den Mord an Lyra McKee.

Splittergruppen der IRA

Als 1998 das Karfreitags-Abkommen in Kraft trat, gab es Mitglieder der IRA, welche dieses Abkommen schlichtweg ablehnten. Für sie kam es nicht in Frage die Waffen niederzulegen, solange britische Soldaten in Nordirland stationiert sind, bzw. Nordirland nicht mit der Republik Irland vereint ist. Für diese immer gestrigen “Freiheitskämpfer” gilt es auch heute noch solange weiter zu kämpfen bis das ultimative Ziel, die Einigung der Insel Irlands und der Abzug der britischen Soldaten, erreicht ist.

Dies ist den britischen Behörden bekannt. Diese “Real IRA”, bzw. “New IRA” wird seither vom britischen Geheimdienst überwacht. Dass es jederzeit wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen kann, war allseits bekannt. Jetzt ist es passiert. Warum?

Widersprüchliche Vorgehensweise

Über die vergangenen Jahre haben die nordirischen Behörden keine klaren Akzente gesetzt. Ob “pro-republikanische” oder “pro-britische” Paramilitärs, es wurde eine Politik der Deeskalation betrieben. Das heißt, dass die nordirisch/britischen Behörden über viele Vorfälle hinweg gesehen haben.

Verhaftungen wurden nur selten vorgenommen. Man wollte damit nicht noch mehr Gewalt provozieren. Das hat den Paramilitärs der verschiedenen Konfliktparteien eine gewisse Sicherheit vorgegaukelt. Das es in den verschiedenen Lagern Waffenarsenale gab wusste man. Man hoffte darauf, dass diese nicht eingesetzt werden. Es scheint, als hätten die Behörden gehofft, dass sich das ganze von selbst in Luft auflöst.

Polizei – wie ein Elefant im Porzellanladen

Am Gründonnerstag jedoch, hat die nordirische Polizei angeblich Hinweisen zufolge, Hausdurchsuchungen von “New IRA” Mitgliedern durchgeführt. Dort hätten sie regelrechte Waffenlager ausgehoben. Dies hat dazu geführt das Sympathisanten dieser Paramilitärs auf die Straße gingen und letztendlich scharf geschossen hätten. Dabei wurde die Journalistin und Menschenrechtlerin Lyra McKee tödlich getroffen. Angeblich hätten die mutmaßlichen Täter auf ein Polizeiauto geschossen, in dessen Schatten Lyra McKee stand.

Sollte dies tatsächlich der Sachverhalt sein, muss man sich fragen warum die nordirische Polizei, nachdem sie jahrelang weggeschaut hat, auf einmal eine so schlecht geplante Aktion durchführte? Wer sich in Nordirland und mit den gewaltbereiten Gruppierungen aller Konfliktparteien auskennt, musste mit einer Gegenaktion der Paramilitärs rechnen. Sie hätten dafür Sorge tragen müssen, dass Journalisten und andere unbeteiligte Zivilisten in den folgenden Revolten nicht ins Kreuzfeuer geraten. Dies ist nicht geschehen.

Einige offene Fragen

Angeblich hätten die Schützen, die Lyra McKee erschossen haben, ihre Patronenhülsen von der Erde aufgesammelt. Das ist eine äußerst untypische Vorgehensweise der Paramilitärs. Die Paramilitärs Nordirlands stehen zu ihren Morden. Sie sind stolz auf ihre Blutbäder.

Warum hat die Polizei eine so ungewöhnliche Aktion durchgeführt und nicht dafür gesorgt, dass die Zivilbevölkerung halbwegs geschützt ist?

Die Terroristen der 70er und 80er Jahre haben viele unschuldige Menschen auf dem Gewissen. Autobomben, welche in geschäftigen Einkaufsbezirken gezündet wurden und somit unzählige unschuldige Menschen in den Tod gerissen haben waren keine Seltenheit. Somit ist der Tod von Lyra McKee durch die Tat von blutrünstigen Terroristen nicht zu verwerfen. Jedoch haben die Terroristen der Vergangenheit ihre Spuren grundsätzlich nicht verwischt. Im Gegenteil, es wurde Wert darauf gelegt, dass den terroristischen Gruppierungen die jeweiligen Aktionen zugeschrieben wurden.

Eine neue Generation

Am Samstag wurden zwei 18- und 19-jährige Tatverdächtige verhaftet. Sollte es sich tatsächlich bewahrheiten das diese beiden “Kinder” die tödlichen Schüsse abgefeuert haben, dann ist dies ein klares Zeichen das wir es mit einer neuen Generation des Terrors zu tun haben. Junge Menschen, die den Konflikt selber überhaupt nicht miterlebt haben. Menschen die sich nicht im Klaren sind, was sie mit ihren Taten anrichten. Genau wie die Opfer ihrer Taten, haben diese jungen Menschen Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten und Geschwister. Menschen, die die dunklen Zeiten der Vergangenheit erlebt haben. Menschen, die hoffentlich Einfluss auf die neue gewaltbereite Generation nehmen werden.
Wir leben in der Hoffnung, dass die Welle des Schreckens welche durch den Tod von Lyra McKee über die nordirische Bevölkerung hereingefallen ist, dazu führt das Vernunft in die jungen Hirne der neuen Generation potentieller Terroristen gehämmert wird.

Müssen wir uns Sorgen machen?

Nein. Dieser Zustand der Gewaltbereitschaft existiert seit Jahrzehnten. Seit fast zwanzig Jahren führe ich Gäste durch Nordirland und alles ist gut.
Die Gewaltbereitschaft richtet sich nicht auf unbeteiligte Zivilisten. Es ist auf britische Behörden, britische Soldaten, die nordirische Polizei und deren Sympathisanten gerichtet.

Als Reiseleiter in dieser Region informiere ich mich über die aktuelle Lage und gehe jeglichen möglichen Konflikten aus dem Weg. Solche Vorfälle passieren nicht mal eben so. Polizeieingriffe bringen gewisse Konsequenzen mit sich und auch wenn man denken sollte, dass die Polizei gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergreift, kann man sich nicht darauf verlassen und geht der Situation aus dem Weg.

Mit anderen Worten, all die Gäste die vor haben mit mir dieses Jahr Nordirland zu erleben, sollen sich keine Sorgen machen. Die Reisen finden statt und werden so schön wie alle anderen Reisen die wir bisher gemeinsam gemacht haben. Ich freue mich darauf.