Der ungekrönte König Irlands, wird er oft genannt. Einer der bedeutendsten Politiker Irlands der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wenn man Charles Stewart Parnell kurz umschreibt, hört sich das in etwa so an:

“Charles Stewart Parnell war wahrscheinlich der bedeutendste Protestant Irlands der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Protestant machte er sich für die Rechte der Katholiken stark. Er forderte Gleichberechtigung auf jeder Ebene – inklusive Landbesitz. Er brachte die irische Sache sogar in die USA. Allerdings wurde sich der ungekrönte König Irlands selbst zum Verhängnis. Er verliebte sich in die Frau eines Parteigenossen. Es kam zu einer handfesten Affaire. Die beiden zogen sogar zusammen und hatten drei gemeinsame Kinder. Die Liebschaft flog jedoch auf – er verlor all seine politischen Ämter und starb eines gebrochenen Herzen. Wie es der Dame nach der Affaire erging, steht nirgends geschrieben.”

Die frühen Jahre

Doch schauen wir uns Charles einmal etwas näher an.

Parnell wurde 1847 in eine reiche anglo-irisch protestantisch anglikanische Familie geboren. Die Familie Parnell war über verschiedene Ecken mit der britischen Königsfamilie verwandt. So wie andere Familien dieses Standes, verfügten auch die Parnells über enormen Grundbesitz in Irland. Geboren wurde Charles zu Zeiten der großen Hungersnot.

Die Zeit nach der großen Hungersnot führte dazu das die dezimierte katholische Landbevölkerung lauthals Rechte über die Ländereien, die sie bewirtschafteten, forderten. Sie forderten Eigentum, welches den Katholiken in der Regel verweigert wurde. Die britischen Großgrundbesitzer verwalteten ihre irischen Besitztümer in der Regel aus der Ferne. Während sie in ihren herrschaftlichen Anwesen in Großbritannien lebten, kümmerten sich in Irland ansässige Verwalter um ihre Interessen. Dies führte mitunter dazu das viele der eigentlichen Landbesitzer sich über die tatsächlichen Umstände in Irland gar nicht im Klaren waren. Die Verwalter, oftmals Iren, gingen nicht selten skrupellos gegen ihre Landsleute vor. Die katholische irische Landbevölkerung musste grundsätzlich utopische Pachtzinsen abführen – auch nach wetterbedingten Ernteausfällen.

Parnell, trotz des Reichtums seiner Familie, sollte eine unglückliche Kindheit haben. Als er sechs Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Er wurde auf verschiedene Schulen in England geschickt, wo er sehr freudlose und traurige Jahre verbrachte.
1859, mit dem Tode seines Vaters, sollte Charles als zwölfjähriger das gewaltige Anwesen der Familie erben. Der junge Parnell studierte in Cambridge. Doch aufgrund der finanziellen Probleme seines Besitzes und den damit verbundenen Reisen zwischen England und Irland, hatte er enorm viele Fehlstunden und brachte seine Studien nie zu Ende.

Der Weg in die Politik

Seinen Weg in die Politik, versuchte Charles Stewart Parnell erstmals in den Jahren 1873 und 74. Er sollte beide male aus unterschiedlichen Gründen, scheitern. Als der mehrmalige britische Premierminister, William Ewart Gladstone, ihn viele Jahre später kennen lernt, fällt Gladstone auf das Parnell keinerlei Bezug zur irischen Geschichte hatte. Davon abgesehen das die wichtigsten Persönlichkeiten der irischen Geschichte für Parnell von keinerlei Bedeutung waren, schien er sich noch nicht einmal sicher zu sein wer eigentlich die legendäre Schlacht am Boyne gewonnen hatte.

Heute glauben Historiker das Parnell in erster Linie in die Politik gegangen ist um seine unerbittliche Feindseligkeit gegenüber Englands zu befriedigen. Diese Feindseligkeit ging wahrscheinlich auf seine Schuljahre in England zurück. Allerdings hatte auch Charles’ Mutter, eine Amerikanerin, eine tiefgreifende Abneigung gegenüber England.

Der erste Wahlsieg

1875 sollte Charles Stewart Parnell erstmals eine Wahl gewinnen und als Abgeordneter für die Grafschaft Meath in das Unterhaus der Briten ziehen. In den Folgejahren sollte er als Abgeordneter für Youghal (Grafschaft Cork) im House of Commons vertreten sein.

Das erste Jahr im britischen Unterhaus, sollte Parnell eher unauffällig das politische Geschehen verfolgen. Ab 1876 fand er sich in radikaleren Kreisen der Fenians wieder. 

Fenian ist ein Überbegriff gewaltbereiter paramilitärischer Gruppierungen, welche 1867 vergeblich eine Rebellion anzettelten und seither als revolutionäre Freiheitskämpfer galten. Mitglieder der IRB.
 Parnell, jetzt in den Kreisen der eher rechtsgerichteten Home Rule League (Partei für Devolution in Irland), nahm an Maßnahmen teil welche ausschließlich das Ziel hatten das Tagesgeschäft im politischen Unterhaus Großbritanniens zu stören. So hielten Abgeordnete seiner Partei endlose Reden, welche keinerlei Bezug auf politische Debatten des Hauses hatten. Damit wollten sie die politische Elite Großbritannien zwingen, irische Angelegenheiten welche bis dahin weitgehend ignoriert wurden, ernst zu nehmen. Parnell selbst galt seinerzeit nicht als herausragender Redner, aber er war für seine analytischen und taktischen Talente bekannt.

Landliga

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts stand Devolution (Home Rule) im Mittelpunkt des politischen Irlands. Die Iren forderten ihre Insel selbständig zu regieren, oder zumindest Schritt für Schritt administrative Vollmachten zu erhalten.

Für die Bevölkerung Irlands – überwiegend Bauern ohne Landbesitz, galt es genau diesen Besitz des Landes welches sie bewirtschafteten zu sichern. Ab 1879 nahm die Landliga radikalere Formen an. Nach dem Motto

Zeigt den Großgrundbesitzern das ihr die Hütten die ihr bewohnt und das Land das ihr bewirtschaftet fest im Griff habt und das ihr euch nie wieder vertreiben lasst. 1847 wird sich nicht wiederholen.

Im Oktober 1879 wurde Parnell Vorsitzender dieser Landliga. Seine erste Amtshandlung war die Unterzeichnung einer Kampagne, welche die Massenbewegung der Landliga militante Formen annehmen ließ.

Im Dezember 1879 reiste er nach Amerika um für die hungernde Landbevölkerung Irlands Geld zu sammeln. Er kehrte mit £70.000 zurück. Das war seinerzeit ein regelrechtes Vermögen. Während seiner äußerst erfolgreichen Amerikareise wurde er sogar vom amerikanischen Präsidenten Rutherford B. Hayes empfangen und am 2. Februar 1880 hielt er im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten von Amerika eine Ansprache über die Situation Irlands. Die Reise führte ihn in 62 amerikanische Städte und ins kanadische Toronto, wo er herzlichst willkommen wurde. Dort wurde ihm erstmals der Titel “ungekrönter König Irlands” verliehen. Den gleichen Titel hatte man 30 Jahre zuvor auch dem “Befreier der Katholiken” Daniel O’Connell verliehen.
Während seiner Reden in Amerika, betonte Parnell immer wieder das die von der irischen Landliga geforderte Landreform letztendlich die politische Misswirtschaft Großbritanniens in Irland untergraben wird und dies, so Parnell, würde dazu führen das letztendlich auch das letzte Glied, welches Irland an Großbritannien bindet, gebrochen würde. Nur so, meinte Parnell, würde Irland als freie Nation dieser Welt auftreten können und dies sei im Interesse aller Iren und Amerikaner.

Solche Reden kamen in den USA gut an.

Sein Amerikaaufenthalt fand ein plötzliches Ende, als in Großbritannien kurzfristig für April 1880 Neuwahlen angesetzt wurden. Parnell entschied sich zurückzukehren um sich diesen Wahlen zu stellen. Er sollte seinen Sitz für Cork verteidigen.

Zunahme von Gewalt

Irland stand kurz vor einem Bauernkrieg. Die Forderungen der Landliga hatten während seiner Abwesenheit blutige Züge angenommen. Obwohl die Landliga Gewalt ablehnte, hat es im Jahre 1879 863 gewalttätige Übergriffe gegeben und im Jahr 1880 bereits 2.590. Diese gewalttätigen Auseinandersetzungen spiegelten die britischen Zwangsräumungen der irischen Landbevölkerung wider. Waren es im Jahre 1879 1.238 solcher Räumungen, so waren es im Jahr 1880 bereits 2.110. Parnell schaffte es durch landesweite Massenversammlungen die Iren zur Ruhe zu bringen und somit die Gewaltbereitschaft zu bannen. Die Vorgehensweise der Landliga wurde wieder politisiert.

Gladstone wurde mit der letzten Wahl wieder als Premierminister Großbritanniens eingeschworen. Ihm war die irische Landliga nicht geheuer. Er machte sich ernsthaft, um die britische Vorherrschaft in Irland, Sorgen. Um von britischer Seite dem nun friedlichen Unterfangen der Landliga entgegen zu kommen, ließ sich Gladstone auf eine Reform der Landnutzung ein. Er stimmte einem dualen Besitztum zu. Wobei der britische Großgrundbesitzer sowie der bewirtschaftende Ire gewisse Rechte über das Land haben sollten. Ferner wurden die Pachtzinsen gesenkt und einigen irischen Landarbeitern wurde es ermöglicht das Land welches sie bewirtschafteten zu kaufen. Dafür wurden von den Briten über Jahrzehnte laufende Darlehen vergeben. Zwangsräumungen wurden eingestellt, soweit es keine Rückstände der Pachtzahlungen gab.

Historiker behaupten heute das die Landliga seinerzeit den Katholizismus wieder politisiert haben indem sie die Identität des irischen Katholiken ganz konkret gegen Urbanisierung, Großgrundbesitz, alles englische und – implizit – Protestantismus definierten. Es sei bemerkt – Charles Stewart Parnell war Protestant.

Parnell sollte mehr und mehr die Kontrolle über die Landliga verlieren. Es kam zu Pacht-Streiks. Seine eigene Zeitung “United Ireland” hatte sich zwischenzeitlich gegen die Landliga gewandt. Parnell wurde für das durch die Landliga ausgelöste Chaos im ländlichen Irland verantwortlich gemacht und inhaftiert. Erst im Mai 1882, nachdem er der britischen Regierung gegenüber Zugeständnisse machte, sollte er wieder freigelassen werden. Die Landliga wurde unterdessen von der britischen Administration aufgelöst.

Die neue Liga

Parnell gab nicht auf. Die politischen Erfahrungen und die damit verbundenen Kontakte die er hatte, wollte er nutzen. Sein Ziel der Devolution und Landreform führte dazu das er 1882 eine neue Organisation gründete. Er formte die INL (Irish National League). Die neue Liga war organisatorisch straff organisiert und hatte eine stark hierarchische Struktur mit Parnell im Mittelpunkt. Selbstherrlich sollte er eine ungeheure Autorität geltend machen. Er gewann sofort parlamentarische Unterstützung.
Parnell’s Ziel war es mit dieser neuen, enorm disziplinierten Organisation, eine informale Kooperation mit der römisch-katholischen Kirche zu ebnen. Er war sich bewusst das er, um seine Ziele zu erreichen, die enorm einflussreiche katholische Kirche an seiner Seite wissen musste. Er wusste auch das seine neue Bewegung, unter seiner Führung als Protestant, nur Erfolg haben konnte, solange er den Stand des Katholizismus Irlands ausdrücklich anerkannte.

Die Führung der katholischen Kirche Irlands befürwortete Parnell’s Partei und akzeptierte die Partei als ihr Interessenvertreter.

Zum Ende des Jahres 1885 verzeichnete die sehr zentralisiert geführte  INL 1.200 Filialen auf der gesamten Insel. Über die nächsten drei Jahrzehnte sollte die Liga die Welt der Landbevölkerung revolutionieren. Katholische Iren sollten über eigenen Grundbesitz verfügen. Der Großgrundbesitz der Briten sollte in vielen Fällen durch kleine Gehöfte der katholisch-irischen Landbevölkerung ersetzt werden.

Parnell’s Westminster

Während der Verwirklichung der INL Ziele, welche Parnell von Westminster aus dirigierte, konzentrierte er sich auf die Umstrukturierung der “Home Rule League Partei”. Er brachte die erfolgreichen administrativen Züge der INL in die Partei. Bald sollte die Partei die best geführte und modernste aller Parteien Großbritanniens sein. Noch heute ist es so, dass die Parteien Großbritanniens nach den Grundlagen Parnell’s geführt werden. Die “Home Rule League Partei” wurde zur “Irish Parlamentary Party” (IPP) unbenannt.
Für die Nationalwahlen 1885 hatte die IPP einen sehr festen Stand in der politischen Landschaft Großbritanniens und ganz besonders Irlands. Parnell’s Augenmerk lag jetzt ganz konkret auf einer irischen Eigenverwaltung, er konzentrierte sich fortan auf die Durchsetzung eines eigenen Parlaments in Dublin.

Der Skandal

Während seiner politischen Erfolge, wurde Parnell immer wieder Opfer von Rufmord Versuchen. 1882 kamen z. B. gefälschte Briefe ans Licht, welche ihn mit einem brutalen Mord in Dublin in Verbindung brachten. Nachdem diese Vorwürfe offiziell verworfen wurden, sagte man ihm Verwicklungen mit der militanten IRB (Irish Republican Brotherhood) nach. Auch das hat er überlebt. Diese immer wieder kehrenden schweren Vorwürfe und die Ruhe mit welcher sich Parnell diesen Situationen stellte sollte ihn in seiner Position stärken. Er hätte all diese Versuche ihn zu stürzen überlebt, wenn es nicht einen ganz gewissen Vorfall gegeben hätte, welcher für das politische Überleben Parnell’s fatale Folgen haben sollte.

Die Affäre

1886 rammte Parnell William O’Shea an O’Shea Gegnern der IPP vorbei und machte ihn Vorsitzenden der Partei. Wenn das mal kein böses Omen für das was kommen sollte war. O’Shea hatte sich von seiner Frau getrennt – wollte sich jedoch nicht scheiden lassen, da seine Frau kurz vor einem reichen Erbe stand. Parnell wiederum, hat mit der immer noch verheirateten Katharine, eine Liebschaft begonnen. Er verbrachte Nächte in der Londoner Residenz der O’Shea’s bevor sie letztendlich zusammen zogen.

Im Dezember 1889 reichte William O’Shea die Scheidung ein und nannte Charles Stewart Parnell als Zeuge. Parnell versicherte seiner Partei das er im Rahmen des Verfahrens entlastet werden würde. Als im November 1890 die Scheidung verhandelt wurde stellte sich heraus das er jahrelang eine Affäre mit Katharine O’Shea hatte und sie tatsächlich drei Kinder von ihm zur Welt brachte. Der Skandal war perfekt.

Verlust der Ehre

Die katholische Kirche Irlands war über das unmoralische Doppelleben von Parnell schockiert und sah keinen anderen Ausweg, als sich offiziell von Parnell zu trennen. Von moralischen Aspekten abgesehen, glaubte die Kirche auch das Parnell die Devolution Irlands gefährdete.

In Großbritannien war die Empörung nicht geringer. Verbündete von Parnell wendeten sich ab. Eine Mehrheit seiner Partei forderten seinen Rücktritt. Nachdem er dies verweigerte, haben viele Mitglieder die Partei verlassen. Parnell versuchte wiederholt, doch vergeblich, dass Vertrauen der Wähler und der katholischen Kirche zurück zu erobern. Am 25. Juni 1891 heiratete die geschiedene Katharine O’Shea. Er versuchte vergeblich die Ehe kirchlich zu schließen. Die katholische Kirche jedoch, verurteilte sein unmoralisches Verhalten und verweigerte die kirchliche Trauung. Das frisch verheiratete Paar ließ sich im englischen Brighton nieder. Am 6. Oktober 1891 verstarb Charles Stewart Parnell, in den Armen seiner geliebten Katharine, an einer Lungenentzündung. Er war 45 Jahre alt.

Obwohl Parnell ein anglikanischer Protestant war, wohnten dem Spektakel der Beerdigung in Dublin, 200.000 Menschen bei. Sein Grab findet man heute auf dem Glasnevin Friedhof in Dublin.