Es ist spannend den Wandel der irischen Gesellschaft mitzuerleben. Die Legitimität des legendären Osteraufstandes von 1916 zu hinterfragen, wäre bis vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Dieses Jahr, zum 100. Jahrestages dieses Ereignisses haben die Bürger und somit auch die Medien tatsächlich den Mut genau dies zu tun.

Wenn man bisher immer von den Helden der Rebellen sprach, so fragt man jetzt auf einmal “und wer hat ihnen den Auftrag gegeben?”, bzw. “war es nötig so viel Blut zu vergießen?”, oder “wie lässt es sich rechtfertigen das diese Rebellen unbewaffnete Polizisten auf dem Gewissen haben?” und “warum mussten so viele Kinder sterben?”

Rebellion ohne Mandat

Kritiker behaupten heute, dass die Verantwortlichen, welche den Osteraufstand gelenkt hatten vom Volk nicht gewählt waren und somit kein Mandat hatten sich im Namen des irischen Volkes gewaltsam zu erheben.
Befürworter des Aufstandes wiederum behaupten, dass diese Kritiker die Realität des damaligen Irlands nicht richtig einschätzen können. Irland im Jahre 1916 war kein demokratischer Staat, wo man die Bürger erst einmal befragen, oder gar zur Urne bitten konnte, um von ihnen den Auftrag erteilt zu bekommen um sich in ihrem Namen zu erheben.

Die Befürworter behaupten auch, dass ohne diesen Aufstand, Irland unter Umständen heute noch nicht frei wäre. Es stimmt wohl, dass der Aufstand nicht zu einer unmittelbaren Befreiung Irlands geführt hat, aber die Wurzel dazu wurde gesetzt.

Töten von unbewaffneten Polizisten

Immer wieder wurden im Rahmen des Osteraufstand unbewaffnete Polizisten getötet. Männer welche ihren Dienst nachgingen. In der Regel Söhne irischer Eltern. Familienväter die ihre dienstliche Pflicht erfüllten. Heute wird gefragt, wie das erschießen dieser wehrlosen Männer gerechtfertigt werden kann.

Die Befürworter des Osteraufstandes behaupten heute, dass niemand mit Absicht unbewaffnete, wehrlose Polizisten erschießen wollte. Dies sei entweder im Eifer des Gefechts geschehen, wo sich die Schützen einfach nicht im Klaren darüber gewesen seien, dass die Polizisten unbewaffnet waren, oder die Polizisten hätten sich geweigert Befehle der Rebellen Folge zu leisten.

Unnötiges Blutbad an Zivilisten

Dublin war 1916 eine Stadt voller Bewohner. Heutzutage lebt in der Stadtmitte kaum noch jemand. Die Dubliner leben heute in erster Linie in den Vororten. Damals war das ganz anders. Ganz besonders die ärmere Schicht lebte mitten in der Stadt. Oftmals in Mietkasernen. Von den knapp 500 Opfern des Osteraufstandes waren über die Hälfte Zivilisten. Die meisten der Zivilisten wurden aus Versehen erschossen. Unter ihnen fast 40 Kinder. Die Armen Dublins hatten keine Wahl als in dem Wirrwarr der Rebellion ihrem Alltag nachzugehen. Kritiker behaupten das die Rebellen hätten erwarten müssen das viele der Bewohner Dublins ins Kreuzfeuer geraten würden.

Befürworter des Osteraufstandes wiederum behaupten das die meisten der Zivilisten entweder durch das britische einsetzen von Artillerie ums Leben gekommen sind, oder das sie tatsächlich durch blutrünstige, amok laufende britische Soldaten erschossen wurden. Die irischen Rebellen waren davon überzeugt das die Briten keine Artillerie einsetzen würden, da sie so stolz auf Dublin, das Aushängeschild des britischen Empires, waren und dieses mit Sicherheit nicht zerstören wollten.

Mut zur Diskussion

Die Diskussionen die derzeit stattfinden sind teilweise sehr hitzköpfig und emotional. Es ist wichtig, dass das irische Volk anfängt sich von der Romantisierung dieser Zeit zu lösen und den Tatsachen eiskalt ins Auge blickt. Diese Aufarbeitung ihrer Geschichte ist mit Sicherheit kein Kinderspiel und erfordert viel Mut und diesen Mut legen die Iren momentan an den Tag. Hut ab.