Die Iren haben ein äußerst kompliziertes und selten vorkommendes Wahlverfahren. Am Freitag, den 26. Februar 2016 fanden in Irland Parlamentswahlen statt und am 03. März 2016 um 5:20 Uhr war man mit dem Auswerten der Stimmabgaben fertig.

Proportionale Repräsentation

Wir hatten dieses mal 40 Wahlkreise und 551 Kandidaten welche sich für 158 Parlamentssitze zur Wahl stellten. Jeder Wahlkreis hat, je nach Größe, mindestens drei Parlamentssitze zu vergeben – dass nennt man proportionale Repräsentation. In Irland hat man als Wähler nicht nur eine Stimme pro Wahl, sondern man hat für jeden Kandidaten eine Stimme – das nennt man “übertragbare Einzelstimme”. Alleine in meinem Wahlkreis gab es 16 Kandidaten, die sich um 5 mögliche Sitze stritten. Somit hatte ich 16 Stimmen. Nicht das ich alle meine 16 Stimmen vergeben musste, aber ich hatte die Möglichkeit dies zu tun. Um einen Stimmzettel nicht ungültig zu machen, muss man mindestens Stimme Nr. 1 vergeben. Ich habe alle 15 Stimmen vergeben. Die ersten Stimmen an die Kandidaten, die ich gerne gewählt gesehen hätte und die letzten Stimmen an die, die ich nicht wirklich im Parlament sehen wollte.

Beispiel

Beispiel eines Wahlzettels

Beispiel eines irischen Wahlzettels

Hier ist ein Beispiel wie es funktioniert.

In Irland wird eine Formel angewendet welche die gültigen abgegebenen Stimmen durch die Anzahl der zu vergebenen Sitze teilt. Das Prinzip wird im allgemeinen “Droop Quota” genannt.

(alle gültigen Stimmen/Anzahl der zu vergebenden Sitze + 1) +1

Beispiel: Ein Wahlkreis mit 3 zu vergebenen Sitze wo 1.000 gültige Stimmen abgegeben wurden.
Die Formel lautet (1000/4) +1 = 251 Stimmen oder 25% + 1 aller gültigen abgegebenen Stimmen.

In meinem Wahlkreis gab es also 16 Kandidaten für 5 Sitze. Insgesamt wurden am 26. Februar 2016 68.804 gültige Stimmen abgegeben. Demnach wird die folgende Formel angewendet 68.804/6 = 11.467 + 1 = 11.468. 11.468 ist also die Hürde welche von Kandidaten genommen werden muss, um sich für einen Sitz im irischen Nationalparlament zu qualifizieren. Diese Formel wird angewendet, sodas die Anzahl der verfügbaren Sitze nicht überschritten wird.

Zum mitschreiben:

  1. Die Wahlurnen werden geöffnet und die Stimmen werden gezählt.
  2. Die Quote wird anhand der gültigen Stimmen  und der zur Verfügung stehenden Sitze errechnet.
  3. Die Wahlzettel werden nach Präferenz sortiert und gezählt.
  4. Jeder Kandidat der die Quote erreicht, gilt als gewählt.
  5. Sollte ein gewählter Kandidat Stimmen haben, welche die Quote übertreffen (Überschuss Stimmen), werden diese Stimmen anhand der 2. Präferenz der Wähler auf weitere Kandidaten verteilt.
  6. Sollte bei der zweiten Zählung, nach Verteilung der Überschuss Stimmen, keiner der verbleibenden Kandidaten die Quote erreichen, wird der Kandidat mit den wenigsten Stimmen eliminiert und dessen Stimmen für die dritte Zählung auf die verbleibenden Kandidaten (je nach Präferenz der Wähler) verteilt.
  7. Dieses System der Überschuss Stimmverteilung und das eliminieren von Kandidaten und Umverteilung derer Stimmen wird solange fortgesetzt bis alle Sitze vergeben sind.
  8. In manchen Fällen kann der letzte Sitz ohne das Erreichen der Quote vergeben werden.

Langwieriger und spannender Prozess

Wie wir auch dieses Jahr wieder erlebt haben, kann das Auswerten der Stimmen mehrere Tage dauern. Aufgrund der Verflochtenheit wird auch heute noch per Hand gezählt. Oft wird durch die Nacht gezählt. Wenn Kandidaten nach der (z.B.) 16. Zählung wegen (z.B.) 22 Stimmen die Quote nicht erreichen, können sie eine komplette Neuzählung beantragen, welche in den meisten Fällen auch stattfindet.

Keine 5% Hürde, keine absolute Mehrheit

In Irland gilt also nicht die 5% Hürde um in das Parlament einzuziehen, bzw. eine absolute Mehrheit um eine Regierung zu bilden. Eine Regierung kann zustande kommen, wenn es genügend Abgeordnete gibt, die sich zusammen tun um eine einfache Mehrheit zu erreichen. In einem solchen Fall sprechen wir von einer Minderheitsregierung. Diese Art der Regierung ist nicht allzu stabil und führt oftmals zu vorgezogenen Neuwahlen.