Am 22. Juli 2004 verließ ich, gekleidet als Weihnachtsmann, Midleton in County Cork um 1.000 Meilen in 7 Tagen durch Irland zu reisen.

Sinn und Zweck dieser Reise war es, ein delikates und doch brandheißes Thema, nämlich die ständig ansteigende Anzahl von Selbstmorden in Irland, aufzugreifen. 

Strecke durch Irland Weihnachtsmannprojekt

Strecke des Weihnachtsmannprojektes

Depression

Depression, oft der Grund für Selbstmord, bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die diese Krankheit verdient.

Menschen die unter Depressionen leiden sind die letzten unserer Gesellschaft, die aufstehen und Forderungen stellen, obwohl es die Menschen unter uns sind, für die man sehr viel fordern kann und muß.

Wenn man unter Alkoholismus oder einer Drogenabhängigkeit leidet, qualifiziert man sich für eine Therapie.
Ein Sexualtäter qualifiziert sich auch für eine Therapie.
Leidet man jedoch unter Depressionen, bekommt man in Irland ein paar Pillen. 

Zeit für einander

Zunächst einmal müssen wir wieder Zeit füreinander finden.
Wir müssen wieder lernen zu erkennen wenn jemand in unserem Umfeld Hilfe braucht.
Menschen unter uns die unter Depressionen leiden, leben zurück gezogen. Sie melden sich nicht und sagen “Ich bin depressiv”.

Viele dieser Menschen wissen noch nicht einmal das sie an Depressionen leiden.

1.000 Meilen in 7 Tagen

Die 1.000 Meilen (1.600 km) in 7 Tagen wurden zu etwas mehr als 1.000 Meilen in 9 Tagen.
Ich traf und unterhielt sprach mit Dutzenden von Menschen, die allesamt eine Geschichte zu erzählen hatten.

Entweder hatten sie selber einen Verlust durch Selbstmord in der Familie erlebt, waren selber depressiv, oder hegten sogar Suizide Gedanken.
Die 9 Tage sollten zu den emotionsgeladensten Tagen meines Lebens werden. Was für mich persönlich sehr interessant war. 

Depression kann jeden von uns treffen

Ich lernte etwas sehr wichtiges über mich selber in dieser Zeit.
Tatsächlich stellte ich fest, daß ich selber vor etwa 10 Jahren unter schweren Depressionen litt und es damals nicht erkannte.
Es handelte sich um eine lange Phase meines Lebens.

Während dieser Zeit verschloss ich mich total. 

Ich hatte keinerlei Kontakte zu Freunden oder Familie. Ich ging nicht an das Telefon wenn es klingelte. Ich öffnete auch nicht die Haustür. Ja, ich öffnete noch nicht einmal die Post.

Ich verließ das Haus nur wenn es absolut nötig war und dann huschte ich durch die Gegend.

Noch nicht einmal zu meinen Kindern hatte ich einen richtigen Kontakt und wir lebten unter einem Dach.
Meine Frau war alles andere als mein bester Freund, obwohl sie für mich da war während dieser Zeit.
Sie wusste nicht was los war und ich kann heute im nachhinein nur sagen das ich heilfroh bin das sie damals die Sache mit mir ausstand. Diese Phase sollte 18 Monate dauern.
Ein paar Jahre später hatte ich einen Rückfall, allerdings war es nicht ganz so schlimm wie das erste mal, aber dennoch schlimm genug.

Wie auch immer, es sollte dieses Projekt sein, welches mich erkennen ließ das ich selber von einer Krankheit gelitten hatte, von welcher tausende von Menschen um uns herum leiden und ich weiß aus eigener Erfahrung das es ein grauenhaftes Leben ist welches man unter diesen Umständen lebt.

Wolfgang Lolies als Weihnachtsmann steigt in den Bus ein

Auf dem Weg in Sligo

Wie Sie sich sicherlich denken können, habe ich genügend Aufmerksamkeit bekommen, immerhin waren nicht allzu viele Weihnachtsmänner im Sommer 2004 in Irland unterwegs.

Die Medien

Wo auch immer ich auftauchte, texteten oder riefen die Menschen ihre Radiosender an und berichteten über einen verrückten im Weihnachtsmannkostüm. Die meisten Radiosender hatten Pressemitteilungen von mir vorliegen und nahmen entweder das Thema im eigenen Rahmen auf oder interviewten mich zum Thema Selbstmord und Depression. 

Oft haben sie Fachleute, wie Psychologen mit eingebunden. Auch Vertreter von Kirche und Staat wurden zum Gespräch geladen.
Es meldeten sich auch viele Menschen die auf eine oder andere Weise sich von dem Thema angesprochen fühlten.

Obwohl es sich hier um ein sehr ernstes Thema handelt, kam es natürlich unterwegs immer wieder zu sehr lustigen Ereignissen.

Kinder verstanden die Welt nicht mehr

Ich traf z. B. viele Kinder. An die hatte ich gar nicht gedacht. Es herrschte Erklärungsbedarf. Was macht der Weihnachtsmann hier mitten im Sommer? 

Urlaub, sagte ich in der Regel. Oder das ich nach dem Rechten sehe.

In einem Fall ging ich durch ein Einkaufszentrum in Waterford und vor mir lag ein etwa 5-jähriger Junge strampelnd auf dem Boden. Ein Wutanfall. Die vermeintliche Mutter stand dort ratlos und schaute sich unsicher um.
Ich ging auf den Jungen zu und fragte ihn was los ist.
Das Gesicht des Kindes war unbezahlbar. Er schaute mich an und rieb sich die verweinten Augen. Langsam zog er sich an den Beinen seiner Mutter hoch und umklammerte diese, mit einem Auge schielte er mich an.
Ich fragte ihn ob er sich jetzt benehmen würde. Langsam nickte er. Ich erklärte das ich ihm im Auge behalten werde und das ich so etwas nicht mehr sehen möchte.
Die Mutter nahm den Jungen an die Hand und ging von dannen. Ungläubig drehten sich die beiden noch einmal um.