Tag 1: Youghal, Co. Cork

Auch wenn der erste Tag frühzeitig abgebrochen werden musste, denke ich das die Bettelaktion erfolgreich war.
Um 11 Uhr platzierte ich mich vor Tesco Supermarkt in Youghal. Ich muss zugeben, dass dieses Projekt das bisher schwierigste für mich war.
Es war nicht so einfach wie ich es mir vorstellte, mich hinzusetzen, mit einem Schild in der Hand wo drauf stand “Danke” und darunter “Gott segne Sie”. 

Auf dem Schoß hatte ich eine kleine Keksdose, wo die Leute ihr Geld rein werfen konnten. Es war ein unheimliches Gefühl dort zu sitzen. Passanten schauten erst auf das Schild und dann auf mich. Peinlich.
Kinder verdrehten ihre Köpfe und starrten mich an, während ihre Eltern sie hinter sich her zogen.

Bettler sind ein Dorn im Auge

Ich hatte bereits etwas Geld erbettelt, als Personal des Supermarktes auf mich zukam und mich freundlich darum bat weiter zu ziehen, da das Betteln auf dem Gelände des Supermarktes nicht erlaubt sei. Sie erklärten mir das ein Kunde sie auf mich aufmerksam gemacht hatte. 
Ich verstand sehr wohl deren Argumente und entschied mich den Standort zu wechseln.
Der Grund warum ich überhaupt erst dort saß war um heraus zu kriegen, wie lange es wohl dauern würde bevor mich jemand vom Supermarkt ansprechen würde.

Ich setzte mich in mein Auto und bewegte mich Richtung Ortsmitte. Ich setzte mich auf Barrys Lane. Um 11:32 Uhr saß ich am Stadttor mit Blick auf die Hauptstraße.

Stadttor von Youghal

Clock Gate Tower Youghal

Auf diese Weise konnten mich die Passanten meilenweit sehen und ihr Geld ausgraben.
Ich musste nicht lange warten, bevor die Leute anfingen Geld in meine Dose zu werfen. Ich habe es natürlich immer wieder “gesäubert”, indem ich große Münzen entfernte.
Ein Junge tauchte auf, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, steckte seine Hand in die Hosentasche, fand eine Euromünze und spendete sie zu meinen Gunsten.
Ich fragte mich ob es von seinem Taschengeld war oder ob es sich um Wechselgeld handelte welches er vom Einkauf für Mutti erhalten hatte. Wie auch immer, ich fühlte mich scheußlich als die Münze meine Dose begrüßte.

Ein älteres Pärchen kam und setzten sich für gut eine halbe Stunde gegenüber von mir hin und beobachteten mich.

Plötzlich sah ich die erste Person die ich persönlich kannte. Obwohl ich mich äußerlich verändert hatte, guckte sie mich argwöhnig an, kam ganz nah an mich heran und meinte:
“Wolfgang! Wie ist das denn passiert? Was machst du denn da? Kann ich dir eine Tasse Tee holen?”
Mein Gott – war das peinlich.
Ich erklärte ihr schnell das es sich um ein Projekt handelte und sie ging weiter. Youghal ist eine halbe Stunde Fahrt von meinem Heimatort entfernt, also blieb es nicht aus das mich unter Umständen jemand erkennen könnte.

Projekt scheiterte zum erste Mal

Wir näherten uns immer mehr der Mittagszeit und immer mehr Menschen kamen auf mich zu. Sie erkannten mich aus den Medien Es gab keinen Moment mehr, wo nicht wenigstens einige Menschen um mich herum standen und sich unterhielten. Einige erklärten mir das sie von meinem Projekt im Radio gehört hatten, allerdings nicht wußten wann ich tatsächlich auftauchen würde. Das wars ja wohl.

Eigentlich hatten ich mit den Medien stillschweigen ausgemacht, doch daran hatte sich irgendjemand nicht gehalten.

Ich entschied mich das Projekt für den Tag abzubrechen und hatte sogar in Erwägung gezogen das Projekt ganz abzubrechen. Allerdings muß ich sagen, hatte ich erste Eindrücke gesammelt und wollte unbedingt das das Projekt erfolgreich zu Ende führen.

Somit entschied ich mich den morgigen Tag abzuwarten und wenn mich auch dort zu viele Leute erkennen würden, breche ich es ab

Morgen sollte es ab nach Mitchelstown gehen.

Tag 2: Mitchelstown

Tag 2 sollte zunächst einfacher beginnen. Ich musste nicht so ein gewaltiges Schamgefühl wie am Vortag überwältigen. Irgendwie interessierte es mich heute nicht so sehr, wie und ob mich die Leute anguckten.
Zunächst kam ich in einen Verkehrsstau als ich in Mitchelstown einfuhr. Dieser Umstand gab mir jedoch die Möglichkeit mir den Ort etwas näher zu betrachten, da ich in der Vergangenheit hier nur zum Mittagstisch gestoppt hatte.

Ich parkte auf dem gigantischen Parkplatz in der Mitte der Ortschaft, auch genannt “The Square”. Ich schaute die Hauptstraße des Ortes hinunter und sah eine Bushaltestelle, eine Statue und gegenüber der Straße einen Co-Op Supermarkt.

Stützpunkt ausmachen
Statue in Mitchelstown

Ich saß im Schatten dieser Statue

Mir fiel auf, das die Leute die den Supermarkt verließen schnurstracks die Hauptstraße überquerten um zum Parkplatz zu gelangen. Ich hatte meinen Stützpunkt gefunden.

Ich setzte mich zwischen einem Abfalleimer und einer Bank, auf die Hauptstraße blickend. Genau gegenüber von mir war der Co-Op. Mir fiel auf das der Verkehr nur sehr schleppend durch den Ort zog. Endlos viele Lastzüge waren unterwegs. Jeder zweite schien eine Viehtransporter mit Schweinen zu sein. Es herrschte nicht gerade der angenehmste Geruch und ich stellte mir vor wie leicht man hier Vegetarier werden könnte. Es war nicht nur der Gestank, sondern die Schweine machten ein unheimlichen Lärm. Sie waren nun mal auf dem Weg zum Schlachthof.

Obwohl ich in der Mitte von Mitchelstown saß, schien ich mich gleichzeitig in der Mitte von nirgendwo zu befinden. Okay, ein großer Supermarkt war mir gegenüber auf der anderen Straßenseite, aber auf der Seite wo ich saß war absolut nichts, außer dem großen Parkplatz hinter mir und eine mobile Pommesbude, welche noch nicht geöffnet war.

Der Rubel rollt

Wie auch immer, meine Rechnung fing an aufzugehen. Leute gingen schnurstracks auf mich zu und schmissen Geld in meine kleine Keksdose. Alt, jung, sehr jung, weiblich, männlich, gut angezogen, weniger gut angezogen, alle waren äußerst großzügig. 
Ich verbrachte 3 Stunden und 25 Minuten an dieser Stelle und nahm 35,95 Euro ein. Nun, daß ist nicht schlecht und ergibt einen Stundenlohn von 10,52 und das ist 150% des nationalen Mindestlohnes (2005).

Etwas eher lustiges fiel mir während meines Aufenthaltes in diesem Ort auf.
Eltern mit kleinen Kindern nahmen ihre Kleinen ständig auf den Arm, wenn sie an mir vorbeigingen. Als ob das noch nicht bizarr genug wäre, kam auf einmal eine junge Frau mit ihrem kleinen Hund daher und tat mit ihrem Vierbeiner genau das selbe. Nun wartete ich auf jemanden mit einem Labrador.
Ich zumindest habe vor Jahren aufgehört Bettlern Geld zuzustecken. Ich war im Glauben das sie es nur vertrinken würden.

Eine zeitlang besorgte ich etwas zu essen und steckte es den Bettlern zu. Jetzt erkannte ich das es eine schlechte Idee war, da einige Passanten in Mitchelstown genau die selbe Idee hatten.

bitte nicht füttern schild

Bitte nicht füttern

Sie besorgten irgendwo ein Sandwich und boten es mir an. Tatsächlich kann ich aber nur eine gewisse Menge Nahrungsmittel am Tag zu mir nehmen. Einen Moment lang überlegte ich ein zweites Schild mit der Aufschrift “Nicht füttern, Bettler macht Diät”, anzufertigen.
Ein Mann kam auf mich zu. Er sah ein wenig wie ein “Kollege” aus, obwohl ich nicht gesehen habe das er gebettelt hat. Er guckte in meine kleine Keksdose und sagte “nicht schlecht”. Dann bot er mir seinen Tabak an, damit ich mir eine Zigarette drehen kann. Nachdem ich dieses Angebot freundlich ablehnte, bot er mir seine Weinflasche an und wieder lehnte ich freundlichst ab. Er war sehr verblüfft, und guckte mich eher komisch an.
Er muss gedacht haben das ich irgend so ein alternativer Bettler bin.

Ein unbequemer Arbeitsplatz

Ich muss zugeben das es sehr hart ist für eine so lange Zeit auf einer eher unbequemen Sitzgelegenheit zu verbringen. Ich saß auf einem umgedrehten lehren Milchflaschenkasten. Am schlimmsten ist eigentlich das man nicht mal einfach aufstehen kann um auf Toilette zu gehen. Man müsste schon alles mitnehmen, oder es im Auto einschließen, was doch alles eher aufwendig erschien. Außerdem fühlte ich mich nicht unbedingt wohl dabei, in dem Ort wo ich bettelte in Läden zu gehen, um eine Tasse Kaffee zu trinken oder um zu pinkeln.
Kaum vorzustellen wie die einheimischen Leute mich anstarren würden.
Es war schon schlimm genug als ich einpackte und mein Zeug in mein Auto verfrachtete. Was ging wohl durch die Köpfen der Leute, als sie sahen wie ich alles in einem Ford Scorpio verstaute?

Eine weitere Erfahrung die ich machte war, dass diese Inaktivität äußerst ermüdend war. Wenn ich abends nach Hause kam fühlte ich mich, als hätte ich den ganzen Tag Holz gehackt.

Hier sind Links zu den anderen Tagen:

Bettel Projekt vorgestellt
Tag 3 und 4
Tag5