Das Projekt

Das folgende Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem irischen Rollstuhlverband IWA ausgearbeitet und von diesem auch unterstützt.

Schauen Sie bitte erst kurz hier herein.

Ich bin ein deutschsprachiger Reiseleiter auf der Insel Irland.

Im Jahre 2003 habe ich eine Gruppe deutscher Rollstuhlfahrer betreut. Diese Woche sollte mir die Augen öffnen.
Nichts war, wie ich es gewohnt war. Ob es Toilettenpausen, Fotostopps, Mittagspausen oder der Besuch von Sehenswürdigkeiten war.

Rollstuhl freundlicher Reisebus - Mittagspause in Clonmacnoise

Mittagspause in Clonmacnoise

Alleine das ein- und aussteigen aus dem Rollstuhl-gerechten Reisebus der Firma Eberhardt Reisen, war ein reines Abenteuer.
Die Reisegruppe brachte ihren eigenen Bus aus Deutschland mit. Der Bus hatte eine Rampe, welche einen Rollstuhl nach dem anderen absetzen und natürlich auch wieder aufnehmen konnte.
Diese Rampe war natürlich auf der rechten Seite des Busses angebracht. Da wir in Irland auf der linken (also auf der richtigen) Seite fahren, mussten wir ständig auf der falschen Straßenseite, entgegen des Verkehrs, anhalten um die Gäste zum Bürgersteig hin aus- und wieder einsteigen zu lassen. Das war jeweils eine sehr zeitaufwendige Aktion.

Geduldig und Hilfsbereit

Ich habe ständig gewartet, dass Gäste schimpfen, da ihr Umfeld in Irland nicht Behindertengerecht war. In vielen Fällen gab es keine vernünftigen, Rollstuhlgerechte, Eingänge.
Im Schloss von Kilkenny z. B. war für die Gäste nur das Erdgeschoss zugänglich.
Die alte Bibliothek (Old Library oder auch Long Room) des Trintiy Colleges war nur mit einem Lastenaufzug zugänglich und zwar ein Rollstuhl pro Fahrt.

Group photo outside Jameson Distillery

Jameson Distillery, Dublin

Wie auch immer, die Gäste schimpften nie. Stattdessen haben sie die hilfreichen Iren gelobt. Die Rollstuhl gebundenen Gäste sind bereits in der ganzen Welt herum gekommen. Ob Europa oder auch auf dem amerikanischen Kontinent waren sie unterwegs.
Auf meine Anfrage, stuften sie Irland überdurchschnittlich ein. Nicht weil die Einrichtungen in Irland überdurchschnittlich gut waren, sondern aufgrund der Geduld und Hilfsbereitschaft der Iren.

Rollstuhl Gruppe 2015

Kommenden September werde ich wieder eine Rollstuhlgruppe betreuen. Ich bin ganz gespannt, in wie weit sich die Umstände für Rollstuhlfahrer verbessert haben.

Das Projekt

Am Montag dem 3. November 2003 bin ich losgezogen um die Republik Irland mit dem Rollstuhl zu bereisen.

Per Anhalter zu den Kindern

Das Ziel war es, dass Bewusstsein der Allgemeinheit zu beleben.
Die folgenden zehn Tage sollten zu einem außergewöhnliches Erlebnis werden. Ich erlebte das Unerwartete.
Ich fuhr hauptsächlich per Anhalter, im Rollstuhl sitzend.

Wolfgang Lolies sitzt im Rollstuhl mit einem Ortsschild (Mallow)

Per Anhalter im Rollstuhl

Ich konnte mich nicht über einen Mangel von hilfreichen Autofahrern beklagen. Ich habe unterwegs eine Menge Menschen getroffen; Lieferanten, Außendienstler, Verrückte usw. und die Ehefrau eines Rektors, welche mich auf direkten Wege zu der Grundschule ihres Mannes brachte.
Dort verbrachte ich 90 Minuten und stellte mich den Fragen der Schüler.

Zeit bekommt eine neue Bedeutung

Am wertvollsten war es für mich, herauszufinden wie es sein würde in einem Rollstuhl zu leben.
Ich musste alle zeitlichen Abläufe neu überdenken, nichts sollte so sein wie ich es gewohnt war.
Ob es darum ging taugliche Übernachtungsmöglichkeiten zu finden oder eine Kneipe oder Restaurant zu ausfindig zu machen – alles wurde zu einer regelrechten Herausforderung.

Wenn, dann richtig

Unterwegs, habe ich mich immer wieder mit Menschen getroffen, die an den Rollstuhl gebunden waren. Sie zeigten mir ihr Umfeld aus ihrer Perspektive. Eine Welt, die Menschen die nicht selber an den Rollstuhl gebunden sind, nur sehr schwer verstehen können.

Shopping Trolley affixed to wheelchair

Shopping experience in Hurley’s Supervalu, Midleton

Wenn man berücksichtigt das wir über das Jahr 2003 reden, war der Hurleys Supervalu Supermarkt in Midleton anderen Supermärkten weit voraus. Sie hatten Einkaufswagen die am Rollstuhl befestigt werden konnten. Solche Einkaufswagen habe ich sonst in der Umgebung nirgends gefunden.

Trying to reach top shelf from the wheelchair

The problem was, some shelves were too high

Ein häufiges Problem ist allerdings, dass auf der einen Seite für Rollstuhlfahrer gesorgt wird, es aber auf der anderen Seite verpasst wird, diese Sorge wirklich auch bis ins letzte Detail durchzusetzen.
Um einen Rollstuhlbenutzer nicht zum Behinderten zu machen, müssen wir dafür sorgen, dass sie ihrer täglichen Routine, ohne fremde Hilfe, nachkommen können.

Hier z. B., habe ich einen Einkaufswagen den ich am Rollstuhl befestigen kann, aber trotzdem komme ich nicht an die Produkte des oberen Regals ran. Hier geht es darum, dass auch ein Rollstuhlfahrer in der Lage sein muss, in einer informierten Weise, einzukaufen – ohne ständig um Hilfe bitten zu müssen. Auch Rollstuhlfahrer müssen in der Lage sein, ein Produkt aus dem Regal zu nehmen, es sich in Ruhe anzuschauen, vielleicht sogar das Etikett zu studieren, bevor sie es dann wieder zurückstellen, oder in den Einkaufswagen legen.

 Leben gefährden
Fahrzeug steht auf Fußweg. Zu eng für den Rollstuhl, welcher auf die Straße ausweichen muss

Gedankenlos

Hier handelt es nur um etwas Gedankenlosigkeit.
Nun, begeben Sie sich mal in die “Schuhe” des Rollstuhlfahrers.
Was wird er/sie tun? Die Bordsteinkante ist auf Höhe des Fahrzeuges unter Umständen zu hoch als das der Rollstuhlfahrer mal eben den Bürgersteig verlassen kann um entlang der Straße an dem parkenden Fahrzeug vorbei zu kommen, um dann direkt wieder auf den Fußweg zu gelangen.
Auch falls die Bordsteinkante nicht zu hoch sein sollte, so muss sich der Rollstuhlfahrer trotzdem auf die Straße begeben um an dem Fahrzeug vorbei zu kommen. Das ist unter Umständen lebensgefährlich.
Lasst uns umsichtiger sein. Wir müssen aufhören diese Menschen aufgrund unserer Gedankenlosigkeit in Lebensgefahr zu begeben.

Denken

 

Pfad nicht breit genug

Gedankenlos

Das linke Bild wurde vor einem Hotel genommen. Ich kam nicht an dem Blumentopf vorbei und war auch nicht in der Lage den Topf zu bewegen.
Wer auch immer den Blumentopf dort platzierte hinderte mich daran die Rollstuhlrampe zu benutzen und behinderte mich somit. Ich musste zurück ins Hotel rollen um um Hilfe zu beten.

Rollstuhl – Nein Danke

Am Abend zuvor versuchte ich in den Nachtclub des Hotels zu gelangen. Der Türsteher erklärte mir das Rollstühle nicht erlaubt seien. Ich bat um den Manager. Dieser erklärte mir dann, dass der Nachtclub für Rollstühle zugänglich sei, aber das andere Gäste keine Rollstühle sehen möchten. Auch für mich, so erklärte er weiter, wäre es nicht komfortabel dort im Rollstuhl zu sitzen und schickte mich des Weges.

Das Bild auf der rechten Seite (oben) ist ziemlich typisch. Es zeigt einen Telegrafenmast. Ich kam gerade so an diesem Mast vorbei, aber es war Millimeterarbeit. Ich hatte Angst das ich vom Bürgersteig kippen würde.

Rücksichtsvolle Planung
Wolfgang Lolies im Rollstuhl, mitten auf der Straße

Ich kam nicht wieder auf den Bürgersteig

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Es passierte öfters das ich auf einer Straßenseite den Bürgersteig verließ und auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht wieder auf den Bürgersteig kam. Die Absenkungen der Bürgersteige waren nicht  koordiniert.

 

Treffen mit anderen Rollstuhlfahrern

In Tralee, Grafschaft Kerry, traf ich den damaligen Bürgermeister Terry O Brien. Terry ist Rollstuhlfahrer. Er hatte während seiner Zeit als Bürgermeister viel getan um Tralee Rollstuhlgerechter zu gestalten. Er war z. B. der erste irische Bürgermeister, der dafür sorgte das “Behindertenparkplätze” farblich markiert werden. Somit waren die Politessen in der Lage zu erkennen falls ein Fahrzeug fälschlicherweise auf einem Behindertenparkplatz stand.

Ich hatte Terry damals vorgeschlagen das wir uns in einem Hotel in der Ortsmitte treffen. Er lehnte dankend ab, da das Hotel nicht ohne Hilfe für Rollstuhlfahrer zugänglich war. Er empfand diesen Umstand als unnötig.
Er erklärte mir das in vielen Fällen man Rollstuhlfahrern nicht gerecht werden kann, aber da wo man Rollstuhlfahrern entgegen kommen kann, da muss man es ganz einfach auch tun.

In Kilkenny traf ich mich mit einer ganzen Menge Menschen des IWA (irischen Rollstuhl-Verbandes). Sie hatten mir in ihrem Zentrum auch ein Zimmer für die Nacht bereit gestellt.

Gemälde welches Kilkenny aus Sicht der Mitglieder des irischen Rollstuhl Verbandes darstellt

Kilkenny aus der Sicht der IWA Mitglieder

Im Rollstuhl – 2015

Ich überlege momentan das Projekt im Jahre 2015 neu aufzulegen. Ich möchte herausfinden ob sich die Situation, 12 Jahre nach dem letzten Projekt, verbessert hat.

Sind Sie an den Rollstuhl gebunden?
Dann würde ich gerne von Ihnen hören. Teilen Sie Ihre Erfahrung.
Sie können mich entweder durch das Kontaktformular dieser Seite kontaktieren, oder Sie können einen Kommentar unterhalb dieses Beitrages hinterlassen. Ich wäre auch bereit dieses Projekt auf deutschen, österreichischen oder schweizerischen Boden durchzuführen.

Im September 2015 werde ich wieder eine deutsche Rollstuhlgruppe durch Irland begleiten. Alleine dies wird meine Augen erneut öffnen.

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